Warum wir alle zum Sündenbock werden können und was dagegen hilft
Ein Projekt scheitert, ein Zeitplan platzt, ein Familienabend eskaliert. Und noch bevor genau geklärt ist, was eigentlich passiert ist, steht schon ein Satz im Raum: „Das liegt an Jonas.“ Oder: „Typisch Mia, wie immer.“
Ein Name ist gefunden, an dem sich die Spannung entladen kann.
Mit diesem Muster beschäftige ich mich schon lange; heute vor allem in meiner Beratungspraxis. In meiner Dissertation Der Sündenbock in der öffentlichen Kommunikation habe ich mich wissenschaftlich mit dem Sündenbock als sozialem und kommunikativem Mechanismus beschäftigt.
Der Mechanismus begegnet uns jedoch nicht nur in der Öffentlichkeit. Schuldzuweisungen, Projektionen und festgefahrene Rollen können auch in Familien, Partnerschaften oder Teams entstehen. Wer diese Dynamik kennt, kann sie leichter durchschauen und vielleicht unterbrechen, bevor sie sich verfestigt.
Ein Sündenbock bündelt negative Zuschreibungen auf eine Person oder Gruppe. Das kann kurzfristig entlastend wirken. An den Ursachen des ursprünglichen Problems ändert sich dadurch jedoch nichts.
In der Familie: Ein Kind wird bei diffusen Konflikten zum Blitzableiter, obwohl die eigentliche Spannung vielleicht ganz woanders liegt.
Im Team: Eine Person macht in einem ungünstig strukturierten Team einen Fehler und trägt plötzlich nicht mehr nur die Verantwortung dafür, sondern gefühlt für alle Versäumnisse des letzten Jahres.
In der Partnerschaft: Die eigene Unzufriedenheit wird dem Gegenüber zugeschrieben: Wenn diese Person sich nur endlich ändern würde, wäre alles einfacher.
Warum dahinter ein sozialer Mechanismus steckt
Der Begriff „Sündenbock“ bezieht sich auf eine Passage im biblischen Buch Levitikus: Ein Bock wird mit den Übertretungen und Sünden der Gemeinschaft beladen und in die Wüste geschickt.
Aus diesem Bild ist eine bis heute gebräuchliche Bezeichnung geworden. Eine Person oder Gruppe wird zum Sündenbock, wenn Schuld, Verantwortung oder negative Zuschreibungen in besonderem Maße auf sie projiziert werden.
Der Sündenbock lässt sich dabei nicht einfach als Person, sondern als sozialer Mechanismus verstehen, der durch Sprache auch in Form einer Erzählung rekonstruiert werden kann. Vereinfacht gesagt: Eine Person oder Gruppe überträgt einen belastenden Zustand auf eine andere Person oder Gruppe. Dabei tritt die tatsächliche Verantwortung für das ursprüngliche Problem immer stärker hinter einer Art Stellvertreterrolle zurück.
Solche Prozesse können unbewusst entstehen. Schuldzuweisungen können aber auch bewusst und strategisch eingesetzt werden, beispielsweise um Verantwortung zu verschieben oder Feindschaft gegenüber einer Person oder Gruppe zu verstärken, um eigene Interessen durchsetzen zu können.
Ein Sündenbock muss nicht unbeteiligt sein. Entscheidend ist vielmehr, dass die tatsächliche Verantwortung der beschuldigten Person oder Gruppe gegenüber den Zuschreibungen, die sich mit ihr verbinden, zunehmend in den Hintergrund tritt.
Welche Entlastungsfunktion der Sündenbock erfüllt
Der Sündenbock-Mechanismus lässt sich als ein kommunikativer Problemlösungsprozess beschreiben. Gemeint ist damit nicht, dass das zugrunde liegende Problem tatsächlich gelöst wird. Vielmehr geht es um den Versuch, einen belastenden Zustand zu bewältigen.
Durch die bewusste oder unbewusste Übertragung auf eine andere Person oder Gruppe können Spannung und Unsicherheit vorübergehend reduziert werden. Der Mechanismus hat damit zunächst eine stabilisierende und entlastende Funktion.
Sündenbock-Dynamiken können besonders in Krisenzeiten und Phasen starker Verunsicherung an Bedeutung gewinnen. Wenn äußerer Druck steigt oder innere Widersprüche schwer auszuhalten sind, wächst das Bedürfnis nach einfachen und eindeutigen Erklärungen. René Girard beschreibt in Der Sündenbock (1998) mit dem Begriff der mimetischen Krise eine solche Zuspitzung sozialer Spannungen. Ein wichtiger Gedanke dabei ist, dass Krisen und starke Verunsicherung die Suche nach einem eindeutigen Schuldigen begünstigen können.
1. Ausgangspunkt: Ein Konflikt, eine Krise oder eine andere belastende Situation erzeugt Spannung, Unsicherheit oder innere Ambivalenz.
2. Projektion: Diese Spannung wird bewusst oder unbewusst auf eine Person oder Gruppe gerichtet. Schuld, Verantwortung oder negative Eigenschaften konzentrieren sich zunehmend dort.
3. Kurzfristige Entlastung: Die Situation wirkt dadurch übersichtlicher. Für Einzelne oder eine Gruppe kann vorübergehend ein Gefühl von Ordnung und Stabilisierung entstehen.
4. Langfristige Konsequenz: Die Ursachen des ursprünglichen Konflikts bleiben bestehen. Die Sündenbock-Dynamik kann sich verfestigen, die eigentlichen Probleme verschärfen und zu Diskriminierung und offener Feindschaft oder sogar Verfolgung führen.
Dieses vorübergehende Gefühl von Ordnung hat allerdings einen Preis, den vor allem die beschuldigte Person oder Gruppe trägt. Doch auch die scheinbar entlastete Seite gewinnt dabei wenig: Wenn Konflikte immer wieder auf eine einzelne Person oder Gruppe konzentriert werden, bleiben strukturelle Schwierigkeiten, unerfüllte Bedürfnisse und eigene Verantwortungsanteile oft unbearbeitet. So erschwert der Mechanismus mit der Zeit gerade das, was er eigentlich leisten sollte: eine wirkliche Lösung.
Der Sündenbock löst kein Problem, er verschafft eine Atempause. Und genau diese Atempause kann verhindern, dass die Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Ursachen überhaupt beginnt.
Warum wir alle zum Sündenbock werden können
Es gibt keine bestimmte Persönlichkeit und keine bestimmte Gruppe von Menschen, die zwangsläufig zum Sündenbock wird. Entscheidend ist vielmehr die Position einer Person oder Gruppe in Bezug auf die jeweiligen Normen, Erwartungen, Machtverhältnisse und kulturellen Zusammenhänge.
Besonders häufig können Menschen in Minderheiten- oder Randpositionen betroffen sein. Unterschiede zur Mehrheit, etwa Herkunft, Gruppenzugehörigkeit, gesellschaftliche Stellung oder Verhalten, können innerhalb eines bestimmten sozialen Kontextes zu sogenannten Opfermerkmalen werden. Auch geringe Macht oder geringer sozialer Einfluss können eine solche Dynamik begünstigen.
Nicht alle Menschen sind gleichermaßen gefährdet, zum Sündenbock zu werden. Aber welche Merkmale Ausgrenzung begünstigen, hängt immer auch vom sozialen Kontext ab.
Dabei können unterschiedliche Arten von Merkmalen eine Rolle spielen: archetypische Rollenbilder, Stereotype und Vorurteile, soziale Normen oder individuelle Eigenschaften. In der Analytischen Psychologie von C. G. Jung steht etwa der Archetyp des Schattens für jene Seiten, die nicht zum gewünschten Selbstbild passen und deshalb leichter nach außen projiziert werden können. Eine Person oder Gruppe kann so zunehmend zum symbolischen Träger dessen werden, was als störend, bedrohlich oder unerwünscht erlebt wird.
Eine Eigenschaft macht eine Person also nicht von sich aus zum Sündenbock. Ihre Bedeutung entsteht erst im Zusammenspiel mit den Normen, Erwartungen, Machtverhältnissen bzw. einer (gefühlten) Mehrheitszugehörigkeit sowie äußeren Krisen und Konflikten eines bestimmten sozialen Systems.
Welche Rolle Sprache dabei spielt
Eine Sündenbock-Dynamik zeigt sich häufig auch darin, wie gesprochen wird.
Aus der Kritik an einem konkreten Verhalten kann nach und nach eine Bewertung der ganzen Person werden:
„Das passiert immer mit dir.“
„Typisch.“
„Mit ihr kann man einfach nicht arbeiten.“
„Die sind eben alle so.“
Der Unterschied wirkt zunächst klein, ist aber bedeutsam. „Du bist gestern zwanzig Minuten zu spät gekommen“ beschreibt ein konkretes Ereignis. „Du bist unzuverlässig“ macht daraus eine Eigenschaft der Person.
Gerade solche längerfristigen, negativen oder ambivalenten Zuschreibungen können ein wichtiger Hinweis auf eine mögliche Sündenbock-Tendenz in sozialen Gruppen und auch in der öffentlichen Kommunikation sein. Aus einzelnen Ereignissen kann so nach und nach eine übergreifende Geschichte darüber entstehen, wie jemand angeblich grundsätzlich ist.
Besonders gefährlich wird diese Dynamik, wenn solche Zuschreibungen von mehreren Menschen übernommen und immer wieder bestätigt werden. Aus Kritik kann dann ein festes Feindbild entstehen. Kommunikation dient nicht mehr der Verständigung über ein Problem, sondern zunehmend der Abgrenzung von einer Person oder Gruppe.
Erkennbar wird eine beginnende Sündenbock-Dynamik häufig dort, wo nicht mehr nur über konkretes Verhalten gesprochen wird, sondern eine Person oder Gruppe zunehmend selbst zum Problem erklärt wird.
Vom Vorurteil zum Sündenbock
Der Sozialpsychologe Gordon W. Allport beschäftigte sich intensiv mit Vorurteilen, Diskriminierung und dem Sündenbock-Phänomen. In Anlehnung an Allport (1979, S. 8) lässt sich ein Kontinuum menschlicher Beziehungen zwischen Freundschaft und Feindschaft darstellen:
Kontinuum menschlicher Beziehungen zwischen Freundschaft (Kooperation) und Feindschaft (Sündenbock) in Anlehnung an Allport (1979, S. 8).
Das Kontinuum sollte nicht als zwangsläufiger Ablauf verstanden werden, den jeder Konflikt durchläuft. Es veranschaulicht vielmehr unterschiedliche Qualitäten sozialer Beziehungen. Am feindseligen Ende steht die Sündenbock-Beziehung, bei der aggressive Energien, Vorurteile und Schuldzuweisungen in besonderem Maße auf eine Person oder Gruppe konzentriert werden können.
Gerade deshalb ist es sinnvoll, Sündenbock-Dynamiken möglichst früh wahrzunehmen. Aus wiederholten pauschalen Bewertungen können Diskriminierung und offene Feindschaft entstehen. Je stärker sich ein Feindbild verfestigt, desto schwieriger wird es, konkrete Konflikte noch gemeinsam und sachlich zu bearbeiten.
Eine Sündenbock-Dynamik verengt den Blick. Veränderung beginnt dort, wo neben der Konzentration auf eine Person wieder unterschiedliche Stimmen, Perspektiven und tatsächliche Ursachen gehört und betrachtet werden.
Und wenn ich selbst abwertend war?
Vielleicht erkennt man ein solches Muster nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst. Dann hilft eine wichtige Unterscheidung: Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen ist etwas anderes, als sich selbst als Person abzuwerten.
Wer eine andere Person verletzt oder unfair beurteilt hat, kann das anerkennen, sich entschuldigen und das eigene Verhalten verändern. Hilfreich kann auch die Frage sein, welche eigenen Gefühle, Bedürfnisse oder Verletzungen hinter der Abwertung standen. Das entschuldigt sie nicht, kann aber helfen, die eigene Reaktion besser zu verstehen und künftig anders zu handeln.
Mehr zu unterschiedlichen inneren Stimmen finden Sie in meinem Beitrag „Wie gelingt ein gutes Selbstgespräch?“
Was gegen eine Sündenbock-Dynamik helfen kann
Wenn wir Kommunikation als Mittel zur Verständigung nutzen möchten, lohnt es sich, bei Sündenbock-Dynamiken besonders aufmerksam zu sein. Statt nach Schuldigen zu suchen, geht es darum, wieder gemeinsam auf die tatsächliche Situation, unterschiedliche Perspektiven und die Bedürfnisse aller Beteiligten zu schauen.
1. Metakommunikation. Nicht nur über das Problem sprechen, sondern auch darüber, wie gerade darüber gesprochen wird. Zum Beispiel: „Mir fällt auf, dass wir gerade sehr viel bei einer Person abladen. Welche anderen Faktoren spielen eine Rolle?“
2. Verschiedene Perspektiven einholen. Wie erlebt die beschuldigte Person oder Gruppe die Situation? Wie nehmen andere Beteiligte sie wahr? Was würde eine außenstehende Person beobachten? Unterschiedliche Perspektiven können eine scheinbar eindeutige Geschichte wieder öffnen.
3. Konkret bleiben statt verallgemeinern. Hilfreicher als „Du bist unzuverlässig“ ist eine konkrete Beschreibung dessen, was im Hier und Jetzt passiert ist. Verhalten kann kritisiert und Verantwortung klar benannt werden, ohne daraus über die gesamte Person oder andere Gruppenmitglieder zu schließen.
4. Bedürfnisse und Lösungen in den Blick nehmen. Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg bietet dafür eine hilfreiche Orientierung: Beobachtung von Bewertung unterscheiden, eigene Gefühle und Bedürfnisse benennen und daraus eine konkrete Bitte formulieren. Die Frage verschiebt sich damit von „Wer ist das Problem?“ hin zu „Welche Bedürfnisse haben alle Beteiligten und was können wir konkret tun?“
Das heißt nicht, Konflikte weichzuspülen oder Fehlverhalten zu relativieren. Im Gegenteil: Je konkreter über Verhalten, Auswirkungen und Bedürfnisse gesprochen wird, desto klarer lässt sich Verantwortung übernehmen und desto eher kann gemeinsam nach einer tragfähigen Lösung gesucht werden.
Wann systemische Beratung hilfreich sein kann
Professionelle Unterstützung kann sinnvoll sein, wenn sich einseitige Schuldzuweisungen in einer Familie, Partnerschaft oder einem Team wiederholen und unterschiedliche Sichtweisen kaum noch möglich erscheinen.
In der systemischen Beratung, Paarberatung oder Supervision können solche Muster sichtbar gemacht und neue Perspektiven entwickelt werden.
Wenn Sie wiederkehrende Konfliktmuster in Ihrem Team, Ihrer Familie oder Ihrer Partnerschaft besser verstehen möchten, können wir in einem kostenfreien Kennenlerngespräch gemeinsam schauen, welches Format zu Ihrem Anliegen passt – in Leipzig oder online.
Häufige Fragen zum Sündenbock-Mechanismus
Kann jeder Mensch zum Sündenbock werden?
Grundsätzlich kann jede Person oder Gruppe in eine Sündenbockrolle geraten, das Risiko ist jedoch nicht für alle gleich. Menschen in Minderheiten- oder Randpositionen können aufgrund bestehender Vorurteile, geringerer Macht oder geringeren sozialen Einflusses deutlich stärker gefährdet sein. Welche Merkmale in einem bestimmten Zusammenhang zur Ausgrenzung beitragen, hängt vom jeweiligen sozialen und kulturellen Kontext ab und kann sich verändern.
Woran lässt sich eine Sündenbock-Dynamik erkennen?
Ein Hinweis kann sein, dass sehr unterschiedliche Probleme zunehmend mit derselben Person oder Gruppe erklärt werden. Kritik bezieht sich dann nicht mehr nur auf konkretes Verhalten, sondern immer stärker auf vermeintlich feste Eigenschaften, etwa „Sie ist eben so“, oder auf pauschale Gruppenbilder wie „die da oben“ oder „die da unten“. Andere Ursachen oder Perspektiven geraten zunehmend aus dem Blick.
Was kann ich tun, wenn mir eine solche Dynamik auffällt?
Ein erster Schritt kann sein, das Muster zu benennen und den Blick wieder zu erweitern: Was ist konkret passiert? Welche anderen Faktoren spielen eine Rolle? Welche Perspektiven fehlen? Hilfreich ist es, beobachtbares Verhalten von Bewertungen zu unterscheiden, die Bedürfnisse aller Beteiligten stärker in den Blick zu nehmen und auch die eigenen Zuschreibungen zu hinterfragen.

